Ein Stück Heimat

Mein kleiner Bruder und unser Projekt BBB

Nun war es endlich soweit! Nachdem wir seit 4 1/2 Monaten jetzt hier leben und Peking unser neues Zuhause nennen, hatten wir das Vergnügen die ersten Gäste in unserer Welt zu begrüßen. Mein Bruder, Bille, und seine bezaubernde Freundin, Cindy, haben den weiten Weg auf sich genommen, um uns hier zu besuchen. Nach einem sehr durchwachsenen Flug für die beiden, holten wir sie mit Pauken und Trompeten (na gut, es waren nur Plakate :D) vom Flughafen ab. Die chinesischen Flugpassagiere hatten dafür gesorgt, dass die beiden erst gar nicht zum Schlafen gekommen sind. Dementsprechend müde kamen sie bei uns an, nur um  vom chinesischen Vekehrssystem wieder aufgeweckt zu werden! :D Was für uns Alltag und selbstverständlich ist, verursacht Unbehagen und Krämpfe im Kopf von Anderen! Zum Glück konnten wir sie zu jeder Zeit beruhigen und ihnen bestätigen: Keine Sorge...DAS IST HIER SO! :) Nach der obligatorischen Polizeiregistrierung und einem Erwerb einer neuen Handykarte ging es dann auch schon los in die Stadt. Um den Jetlag möglichst in einem Ritt wegzumachen, haben wir die beiden so lange wie möglich wach gehalten. Wir machten uns in den Beihai Park um gleich erst einmal etwas Ruhe vom Trubel der letzen Stunden zu finden. Mit Erfolg! Beihai Park liegt im Herzen der Stadt, nur wenige Kilometer von der Verbotenen Stadt entfernt und lädt zum gemütlichen Gucken des chinesischen Treibens ein. Auch hier befindet sich eine glasierte Drachenmauer, die wir bereits in Datong in anderer Ausführung bewundern durften. In der Mitte des Parks befindet sich ein See mit einer Insel, auf der der Beihaiturm thront. Aufgrund des schwindenden Energielevels unserer beiden Gäste haben wir die Überfahrt jedoch nicht unternommen.

 

Am nächsten Tag mussten Tanja und ich sehr früh aufstehen um unseren Workshop vorzubereiten. Einmal in 6 Monaten findet bei RISE ein 3-tägiger Workshop statt, an dem alle ausländischen Lehrer teilnehmen müssen. Wir beide hatten uns dazu bereit erklärt, die Organisation für den Workshop und die Verantwortung für den ersten Tag zu übernehmen. Es war eine stressige Vorbereitung, die neben unserer Arbeitszeit lief und so einiges von uns abverlangte. Aber es hat sich durchaus gelohnt. Am Mittwoch empfingen wir 33 ausländische Lehrer in meinem Center, eröffneten den Workshop und führten sie in den Haidian Park, in dem wir das Thema des Tages stattfinden lassen wollten - Teambuilding! Wer unseren sportlichen Werdegang kennt, wird nun erahnen, was wir dann mit den nicht-so-sportlichen Lehrer veranstaltet haben...genau...wir haben sie rumgescheucht! :D Am Ende des Tages waren alle ganz schön platt, aber den meisten hat es sehr gefallen! Für viele war etwas Neues dabei und sie konnten sich mit dem Gedanken anfreunden, einige Sachen auch in ihrem Unterricht anzuwenden. Liebe Uni Potsdam: Vielen Dank für die Ausbildung! :) In den letzten Minuten des Workshops stießen Bille und Cindy noch dazu, um von uns allen ein großes Gruppenfoto zu machen. Es war ein gelungener Start in den Workshop und in unsere gemeinsame Zeit mit den beiden!

Unterwegs in der Hauptstadt

Die zwei folgenden Tage des Workshops hatten wir uns extra frei genommen, um mit unseren Gästen in Peking herumzuirren! :D Das Wetter war  phänomenal während dieser ganzen Zeit. Die beiden Magdeburger kamen in den Genuss, nicht ihre Masken tragen zu müssen, und wir hatten jeden Tag tolles, sonniges Wetter. So machten wir uns am Donnerstag zum Himmelstempelpark auf, den wir bereits im Winter besucht hatten. Auch dieses Mal wurden wir von einer beeindruckenden Szenerie erwartet. Der Tempel ist im Sommer noch schöner anzusehen, da nun alles grün ist und die Gärten nur so voller Rosen strotzen. Einziger Nachteil der Hauptsaison ist, dass man unsere gültigen internationalen Studentenausweise nicht mehr akzeptiert. In die meisten Sehenswürdigkeiten kommt man nur als chinesischer Student verbilligt. Was soll's - dann zahlt man eben 8 Euro anstatt 4! :) Am Abend zeigten wir den beiden die traditionelle Dumpling-Küche, trafen noch zwei weitere Potsdamer, die sich zu der Zeit gerade in Peking aufhielten (Toni und Paul - Es war schön euch wieder mal gesehen zu haben).Im Anschluss wanderten wir noch zu später Stunde über den Nachtfischmarkt, mit seinen vielen exotischen Fischarten, Krebsen, Schlangen, Lurchen und Schildkröten. 

 

Apropos - Seit einiger Zeit haben wir zwei Dauergäste in unserer Wohnung. Wir haben schon lange darüber nachgedacht und uns nun endlich entschlossen, zwei Mini-Schmuck-Schildkröten ein neues Zuhause zu bieten. Lotus und Shi-Er (Übersetzung = er hat 12 Flecken auf dem Bauchpanzer - also 12 :D) fühlen sich bei uns puddelwohl, soweit wir das beurteilen können. Und obwohl sie kein Stöckchen holen und auch nicht mit uns kommunizieren können, lassen sie doch Herzen erweichen! :)

 

Am Freitag hatte der Freund meines Opas uns zum Peking-Ente-Essen eingeladen. Albert haben wir bereits Anfang des Jahres kennengelernt. Er ist hier in Peking unser sogenanntes Ass im Ärmel, wenn sich schwierige Situationen anbahnen, und wir sind sehr dankbar darüber ihn zu haben! (Er hat mir damals bei meiner Feuerwerkskörperaktion sehr geholfen :D) Zum Mittag fanden wir uns also in einem von Albert ausgesuchten Restaurant ein und staunten nicht schlecht... Wir haben natürlich schon von solchen Einladungen gehört und was man zu erwarten hat, aber wir waren trotzdem zutiefst überrascht und auch ein wenig überwältigt, wie viel Mühe sich Albert und seine Frau gemacht hatten. Nicht nur, dass wir in einem privaten Raum gegessen haben, nein, es wurden auch unzählige Speisen auf den Tisch gestellt, die uns einerseits das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen, andererseits bei uns auch die Frage auslöste, an welche Stelle des Magens es noch passen sollte. :D Es war ein Fest!! Nach 2 1/2 Stunden kompletter Völlerei verabschiedeten wir uns vollgefressen und auch ein wenig angeschwipst. (Schnaps und Wein - Das ist Fein) :D 

 

Den Nachmittag wollten wir eigentlich in der Verbotenen Stadt verbringen. Doch das konnten wir schnell vergessen. Die Öffnungszeiten gehen hier nur bis 16 Uhr, woraufhin wir nur ein paar Fotos zusammen am Eingang machen konnten. Nichtsdestotrotz hatten wir noch Lust uns etwas anzusehen und strebten so den Jingshan Park gleich hinter der Verbotenen Stadt zielstrebig an. Für ein sehr kleines Entgelt bekommt man hier auf einer erhöhten Plattform eine unglaublich Sicht auf die Verbotene Stadt und auf die Pekinger Innenstadt. :)

 

Während wir die nächsten beiden Tage arbeiten mussten, schafften es Bille und Cindy nun doch, sich die Verbotene Stadt und die Große Mauer in Badaling anzugucken. Abends trafen wir uns, guckten uns das ein oder andere noch an und gingen zusammen essen. Am Montag schickten wir die beiden in den Sommerpalast, während wir uns ein wenig von der anstrengenden Woche und von einem sehr scharfen Hotpot-Essen vom Tag davor auskurierten! :D Nachmittags bekamen Bille und Cindy einen kleinen Einblick in unsere Nachhilfetätigkeit und wurden förmlich von den zwei Müttern unserer Schülerinnen mit Fragen bombardiert! :) Abends machten wir noch einen Abstecher auf den Nachtmarkt in Wangfujing (Keiner wollte Heuschrecke, Skorpion oder Seepferdchen probieren...versteh ich gar nicht :D) und ließen dann den Abend in der Bar Atmosphere hoch oben über Peking, ausklingen.

Gleich haben wir es geschafft...

Am letzten Tag von Cindys und Billes einwöchiger Reise hatten wir uns noch etwas Besonderes ausgedacht. Die beiden hatten sich zwar bereits die Große Mauer angeschaut, dennoch wollten wir sie noch einmal hinführen. Wir hatten uns ein wildes Stück Mauer herausgesucht, welches für seine wunderschöne Landschaft berühmt und berüchtigt ist – Jiankou! Dieses Stück der großen Mauer gehört zu den wenigen nicht wieder rekonstruierten Abschnitten der Mauer rund um Peking. So machten wir uns in aller Frühe auf den Weg raus aus Peking und mit dem Bus in Richtung Norden. Kurz vor unserem Ziel sahen wir immer wieder Taxifahrer am Wegesrand, die auf uns zeigten, in den Bus einstiegen, wenn er anhielt, und uns aufforderten auszusteigen um uns weiter an unseren Zielort zu bringen. Von dieser Vorgehensweise hatten wir bereits gehört und lachten dem ersten Taxifahrer ins Gesicht, der uns für einen überteuerten Preis mitnehmen wollte. Beim nächsten stimmte der Preis und wir stiegen aus. Nach einer weiteren 5-minütigen Verhandlung über den Preis und den Ort fuhren wir knappe 40 Minuten in ein abgelegenes Dorf. Hier ging die Straße nicht mehr weiter und wir stiegen aus. Vor uns thronte ein Gebirge und wir waren etwas perplex, wo denn nun die Mauer zu finden sei. Die Richtung des Pfades war allerdings eindeutig. Es ging  bergauf. Circa zwei Stunden plagten wir uns den Weg hinauf – mit gemischten Gefühlen. Einerseits empfanden wir das alles als ein Abenteuer und waren über die Aussicht, die uns oben erwartete, gespannt. Andererseits hatten wir gedacht, dass es leichter sein würde und hatten unsere Zweifel, ob wir jemals oben ankommen würden. Wir bezwangen den Berg und kamen freudestrahlend oben an. Eine etwas wackelige Leiter half uns auf die Mauer. Die Leiter gehörte einem älteren Mann, der dort oben sein Revier aufgeschlagen hatte. Wir bezahlten 20 Yuan Eintritt und folgten ihm auf die Mauer.

 

Oben angekommen, konnten wir unser Glück kaum glauben. Die Aussicht war phänomenal. Die Mauer war alt und abgetragen und weckte Erinnerungen vergangener Zeiten. Man konnte bis in das Dorf hinunterblicken, aus dem wir losgelaufen waren. Es war atemberaubend! Nach einer kurzen Pause wollten wir dann auf der Mauer Richtung Osten laufen um in Mutainyu die Mauer wieder zu verlassen. Die Tour sollte 3-4 Stunden dauern. Es war bereits 14 Uhr und der letzte Bus sollte 18 Uhr aus Mutainyu abfahren. Unser Abenteuer stand auf der Kippe. Hinzu kamen die unzähligen Strapazen auf der Mauer. Es ging nicht so leicht voran, wie wir gedacht hatten. Immer wieder mussten wir steile Anstiege erklettern und Abstiege meistern. Zum Teil klafften Abgründe neben uns auf, woraufhin unsere Höhenangstlastigen unter uns zu kämpfen hatten. Mehr als einmal überlegten wir das Ganze abzubrechen, aber so richtig konnten wir nicht mehr umkehren. Der Weg zurück wäre noch anstrengender gewesen, als einfach weiter zu gehen und zu hoffen, dass es demnächst leichter werden würde. Genau zwei Stunden hielten wir es auf der Mauer aus. Danach fanden wir endlich einen Weg nach unten ins Tal. Freudestrahlend nahmen wir diese Gelegenheit dankend an und kehrten der Mauer den Rücken. Gerade weil sich Erschöpfung breit machte, war dies die beste Entscheidung an diesem Tag. Wir liefen das restliche Stück ins Tal und fanden uns schweißüberströmt in einem kleinen Dorf wieder. Wir hatten es geschafft. Der Höllenritt war überstanden :) Jetzt nur noch jemanden finden, der uns zurück nach Peking bringt! :D Leichter gesagt, als getan! In den Dörfern, die wir durchwanderten, waren nur vereinzelt Leute unterwegs und schon gar keine Taxis. Wir fragten eine Frau und einen Mann und siehe da, sie fuhren zufällig beide in unsere Richtung! (In Wirklichkeit ist die Touristenbeförderung wahrscheinlich ihre Haupteinnahmequelle!) Wir waren dennoch dankbar, feilschten ein wenig um den Preis und ließen uns dann zum Ausgangsort kutschieren, wo uns der Taxifahrer aus dem Bus gelotst hatte. Nicht unweit davon fuhr auch unser Bus nach Peking zurück.

 

Überglücklich und völlig erschöpft kamen wir in Peking an. Um Zeit zu sparen nahmen wir ein Taxi nach Hause, was sich im Nachhinein als Fehler erweisen sollte. Wir haben uns tatsächlich schon gefragt, wann es mal passieren würde… Bei dem Verkehrssystem ist es ein Wunder, dass noch niemandem von uns so etwas passiert ist. Beim Aussteigen aus dem Taxi erwischten wir eine Radfahrerin, die daraufhin stürzte und sich die Hand verletzte. Sie kam von hinten, ohne Licht, mit Musik in den Ohren und überholte das Taxi auf der rechten Seite, obwohl wir bereits am rechten Straßenrand standen. Wir waren skeptisch und riefen zunächst Masha (Tanjas Kollegin) und dann Albert an, wie wir weiter zu verfahren hatten. Wir wollten nicht übers Ohr gehauen werden. Albert versicherte uns aber, dass wir Schuld hätten, die Dame kein Geld haben und nur ins Krankenhaus gefahren werden wollte. Dies taten wir bereitwillig. Zu fünft questschen wir uns ins Taxi, fuhren ins Krankenhaus und ließen sie in den Händen der Ärzte. Am Ende übernahmen wir auch die Rechnung von 40 Euro. Ihre Hand musste geröngt und genäht werden. Der Taxifahrer fuhr uns danach für umme nach Hause. (Wahrscheinlich wusste er, dass auch er eine Mitschuld trug). Nach diesem ereignisreichen Tag gönnten wir uns ein schönes Abendbrot und eine kräftige chinesische Massage.

 

Am nächsten Tag fuhren wir zum Flughafen um die beiden zu verabschieden. Unser Taxifahrer hatte die Nacht anscheinend durchgemacht, denn dem guten Mann fielen immerzu wieder die Augen zu. Ein kurzer Ellbogencheck meinerseits löste dieses Problem jedoch sofort. Er guckte mich zwar irritiert an, behielt dann aber seine Augen offen. Wahrscheinlich sah er, dass mein Ellbogen weiter in Bereitschaft war. :D Wir verabschiedeten Bille und Cindy und trollten uns wieder zur Arbeit. Wir hatten eine wunderschöne Zeit mit den beiden und freuen uns jetzt schon auf die nächsten Gäste. Tanjas Eltern kommen Ende Juli! :D

 

Bis dahin haben wir allerdings noch unsere eigene Reise vor uns. Morgen geht es schon mit dem Flieger nach Kunming, in den Süden von China. Genau sechs Tage werden wir dort verbringen und uns Reisterraseen und Schluchten angucken. Trotz der angekündigten Regengüsse und Gewitter sind wir total gespannt und freuen uns auf ein bisschen Urlaub. Bis dahin! Gehabt euch wohl! Wir denken ganz doll an euch! :)

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